Er macht es – sie macht es – wir alle machen es

Aber dürfen wir es überhaupt?

Doch, ich behaupte, dass ein Großteil von uns Digitalnomaden es macht.

Live-Bloggen!

Wir kennen es doch alle, wir sitzen auf Veranstaltungen wie Konferenzen, Workshops oder Barcamps und es werden so viele tolle Inhalte geteilt.

Und ausserdem hat ja auch jedes Event heutzutage mittlerweile einen offiziellen hashtag. Und wenn nicht, dann bastelt die Community eben selbst einen. Und dann werden die Inhalte der Vorträge eifrig geteilt, denn schliesslich möchten wir die weite Welt da draussen ja auch „up do date“ halten.

Da werden also Fotos von den Präsentatoren gemacht, incl. der Folien oder anderer Visualisierungshilfen, die an die Wand geschmissen werden. Das ganze wird in sämtliche soziale Netzwerke gestreut. Twitter, Facebook, Instagram – nichts ist mehr sicher. Und hinterher gibt es ein schönes storify oder seit neuestem wakelet als Zusammenfassung mit all den anderen Beiträgen, die andere Nutzer analog zu mir gemacht haben.

Ist doch super, oder?

Fand ich auch. Bis ich als Antwort auf eines meiner Postings mal einen Kommentar fand, der mich fragte, ob diese Vorgehensweise nicht gegen das Urheberrecht verstoßen würde. Ich war erstmal ziemlich konsterniert, denn darüber hatte ich, ehrlich gesagt nie nachgedacht.

Ich bin dann kurz in mich gegangen und kam eher zu dem Schluß, dass durch die Veröffentlichung der Inhalte auf einer Konferenz einer weiteren Veröffentlichung im Netz nichts im Wege stehen würde. Und da ich ja in meinem üblichen Tweet den Namen des Referenten, die Veranstaltung und den Ort durch den hashtag identifiziert habe, ist das doch alles kein Problem, oder?

So ging also kurz eine Diskussion von 2 Laien ein bißchen hin und her. Wir beiden waren uns „irgendwie“ sicher, aber so richtig auch nicht.

Dieser Gedanke hat sich so bei mir festgefressen, dass ich es jetzt genau wissen wollte.

Und wer ist für eine Auskunft besser geeignet als ein Jurist? Zum Glück habe ich den perfekten Vertreter in meinem Netzwerk.

img_5751Ich möchte Euch Christian Schmidt vorstellen. Nein, wir sind nicht verwandt oder verschwägert – jedenfalls bis jetzt nicht belegbar.

Christian ist Partner der Schmidt et Schmidt Sozietät in Lübeck und seines Zeichens Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht sowie für Informationstechnologierecht.

Wer sollte es also besser wissen als er, von daher habe ich ihn mir geschnappt und ein paar Fragen gestellt.

Barbara: Also Christian, ganz generell gesprochen: darf ich bei Veranstaltungen Fotos von Präsentationen machen? Und irgendwie weiß ich doch jetzt schon, wie die erste Antwort lauten wird 🙂

Christian: Ganz generell beantwortet: Es kommt darauf an, Barbara. Und um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, stelle ich Dir die Gegenfrage: Wer ist der Veranstalter und wo findet die Veranstaltung statt?

Barbara: wieso macht das einen Unterschied?

Christian: Naja, wir haben hier unter Umständen nicht nur ein eventuelles Recht des Vortragenden beziehungsweise Referenten, der die Präsentation erstellt hat und nicht möchte, dass sie fotografiert wird, sondern vielleicht auch ein Recht des Veranstalters, der nicht zwingend mit dem Vortragenden identisch sein muß. Und der möchte vielleicht gar nicht, dass auf seiner Veranstaltung derartige Fotos von Referenten und seinem Vortrag über die Inhalte gemacht werden. Und im Zweifel haben wir auch noch das Recht desjenigen, der die Räume zur Verfügung gestellt hat und gar nicht möchte, dass überhaupt fotografiert wird.

Barbara: Einfach geht bei „Euch Anwälten“ nicht, oder? (lacht dabei)

Christian: Wir brechen es mal runter. Gehen wir der Einfachheit halber mal davon aus, dass einzig und allein der Vortragende Rechte an seinem Werk hält. Präsentationen, davon sollte man auch als Zuhörer im Zweifel ausgehen, unterliegen in der Regel dem ausschliesslichem Urheberrecht des jeweils vortragenden Referenten. Sie sind mitunter mindestens als schützenswerte Sprachwerke gemäß §2 Urheberrechtsgesetz (UrhG) anzusehen. Und damit ist das Urheberrechtsgesetz zu beachten. Das bedeutet, dass allein der Referent entscheiden kann, wie seine Präsentation verwertet und in diesem Zusammenhang durch wen genutzt werden kann. Denn ihm allein obliegt es, am wirtschaftlichen Erfolg seines Werkes beteiligt zu sein. Er allein entscheidet daher, ob seine Werke vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich zugänglich gemacht werden dürfen.

Denn man weiß leider nicht, ob der Vortragende nicht vielleicht seine Skripte entgeltlich zum Download anbietet oder gerade möchte, dass zahlende Gäste zu seinen Vorträgen kommen, wo er seine Skripte und seinen Vortrag veröffentlicht.

Hat man also keine Einwilligung des Vortragenden, sollte man, genau genommen, die Finger davon lassen.

Barbara: Das macht es für uns Bewohner der digitalen Welt, in der irgendwie eine andere Mentalität, nämlich die des Teilens herrscht, ja nicht wirklich einfacher. Gibt es dazu Ausnahmen, mit denen wir arbeiten könnten? Und wenn ja, welche Angaben muss ich dann machen? Ich nenne mal das allseits beliebte Stichwort: Quelle

Christian: Die Frage nach dem Teilen stellt sich genau genommen erst gar nicht, wenn der Vortragende nicht will, dass seine Folien veröffentlicht werden sollen.

Aber ja, es gibt sogenannte Schranken innerhalb des Urheberrechts, also Nutzungshandlungen, die der Urheber dulden muss, obgleich er eine Verwertung, wie das Fotografieren und Teilen seiner Präsentation gar nicht wünscht. Dein Stichwort „Quelle“ zum Beispiel kann ein Synonym einer derartigen Schranke sein, nämlich das sogenannte Zitatrecht nach §51UrhG. Ein rechtmäßiges Zitat fordert nämlich auch die gesetzliche Quellenangabe gemäß §63 UrhG. Das Zitatrecht ist jedoch ein häufig missverstandenes Instrument. Ein Zitat im Sinne des UrhG ist erst bzw. nur dann ein rechtmäßiges Zitat, wenn sich der Zitierende mit dem Zitierten gedanklich auseinandersetzt und dieses nicht als bloßes Schmuckstück, quasi austauschbar für das Gesagte und Gemeinte, verwendet.

Das bloße Bloggen aus einer Veranstaltung, in dem ausschliesslich nur das Bild der Präsentation veröffentlicht wird, ohne dass sich der Bloggende mit dem dort Abgebildeten gedanklich in Diskurs setzt, stellt kein zulässiges Zitat dar. Es könnte unter Umständen schon etwas anderes sein, wenn man begleitende Worte zum Bild postet, vielleicht sogar kontroverse Gedanken und / oder anregende Inspirationen mit dem Bild verbindet. Je mehr man sich mit dem Bild und dem Vortrag auseinandersetzt, desto eher nähert man sich dem Zitat im Sinne des UrhG.

Und Barbara, am Ende kommt es auf den Einzelfall an. 🙂

Barbara: Wenn ich mich also dieses Instruments des Zitierens bedienen möchte, reicht es dann für die Veranstaltung aus, einfach den hashtag zu nutzen?

Christian: Wohl nein, aber auch hier kommt es wieder mal darauf an. Der § 63 UrhG besagt, dass bei einem ordnungsgemäßen Zitat, die Quelle, soweit es die Sitte erforderlich macht, deutlich zu nennen ist. Und zwar einschliesslich des Namens des Urhebers, soweit es möglich ist. Ob daher der „hashtag“ für sich gesehen ausreichend wäre, wage ich, streng genommen, zu bezweifeln. Beim „Live-Bloggen“ könnte man es noch als übliche Sitte durchgehen lassen, aber ich wäre kein Freund dieser Auslegung. Und unter Umständen der Richter auch nicht, der, wenn man nicht gerade an eine Spezialkammer für Urheberrecht kommt, vielleicht noch nicht mal weiß, was Live-Bloggen überhaupt ist.

Barbara: Apropos „hashtag“. Wenn es einen offiziellen hashtag vom Veranstalter gibt, darf ich dann nicht davon ausgehen, dass ich die Veranstaltung auch bildlich teilen darf?

Christian: Bei einem offiziellen hashtag der Veranstalter könnte man zumindest ableiten, dass ihm nicht nur das Medium Twitter bekannt ist, sondern auch dass via Twitter gerne Eindrücke zur Veranstaltung getwittert werden dürfen. Aber der Veranstalter hat vielleicht nicht immer auch etwas mit dem urherberrechtlichen Inhalt des jeweiligen Vortrags zu tun. Obgleich er sich derartige Rechte der Vortragenden im Vorfelde einräumen lassen könnte.

Mit einfachen Worten: Jein, man könnte davon ausgehen, dass Bilder der Veranstaltung geteilt werden können, aber unter Umständen nicht Bilder der Präsentationen.

Barbara: Es gibt ja einige Präsentatoren (so wie mich), die schon im Vorwege ankündigen, ihre visuellen Unterlagen wie Folien nach dem Vortrag im Netz zu veröffentlichen. Gilt das dann nicht als Einwilligung, dass Menschen schon WÄHREND des Vortrages Fotos davon machen dürfen und diese auch in den sozialen Netzwerken veröffentlichen?

Christian: Nein, denn Du hast ja nur mitgeteilt, dass DU sie im Netz veröffentlichen wirst. Alles Andere müsstest Du explizit im Vorfelde sagen oder gleich zu Beginn Deines Vortrages als einleitende Worte in die Runde werfen.

Barbara: Ich versuche ja verzweifelt, noch irgendwie die Kurve zu bekommen, da muss es doch eine Lücke geben. Wenn es für eine Veranstaltung eine öffentliche Webseite inclusive Fotos der Referenten und Nennung des Themas der Vorträge gibt, kann ich dann davon ausgehen, dass der VERANSTALTER keine Einwände gegen die Veröffentlichung hat?

Christian: Nein

Barbara: Ich sehe schon, ich kann generell von gar nichts ausgehen?

Christian: Stimmt

Barbara: Ich muss also immer ein ganz konkretes „Ja“ als Erlaubnis bekommen?

Christian: Ja

Barbara: Also irgendwie kommen wir ja „so generell“ nicht weiter. Versuchen wir es mal anhand von ganz konkreten Beispielen. Hier sind ein paar tweets, die ich von meinen letzten Veranstaltungen getwittert habe. Was sagst Du dazu?

img_5742

Christian: Hm. Nein, auch wenn man bei diesem Bild die Meinung vertreten könnte, dass der Ausschnitt des Vortrages eher als Beiwerk zu bewerten ist, was wiederum eine weitere Schranke des Urheberrechts darstellt und eine Veröffentlichung ermöglichen könnte, gerade weil es eher unscharf ist. Zumindest hast Du Dich auch ein wenig mit dem Fotografierten auseinander gesetzt, wobei, wenn ich es richtig verstanden habe, Du eher die Veranstaltung meinst, als den Vortrag, richtig?

Barbara: richtig

img_5743

Barbara: was hältst Du von dem hier?

Christian: nicht wirklich besser. Im Gegenteil, denn hier fehlt zudem ein eventueller Bezug und das macht es wirklich schwierig.

 

 

 

img_5741Barbara: okay, letzter Versuch, was ist mit dem folgenden?

Christian: Tja, hier ist unter Umständen sogar gar kein Urheberrecht berührt, da das Layout und die Gestaltung eher handwerkliche als denn schöpferische Qualitäten aufweisen und daher dem urheberrechtlichen nicht zugänglich ist . Aber wenn doch, dann eher nein.

 

 

 

Barbara: Okay, ich gebe auf. Das heisst, ich hätte nichts davon wirklich gedurft?

Christian: Streng genommen, eher nein. Tut mir leid. Du solltest Dir im Vorfelde auf jeden Fall Rechte einräumen lassen. Entweder bei den jeweiligen Rednern anfragen oder beim Veranstalter vorab ankündigen, dass Du live-bloggen willst.

Barbara: Wenn ich also all das nicht darf, was kann mir dann passieren? Gibt es da auch Abmahnwellen oder ist darüber noch keiner gestolpert?

Christian: Die Sache ist ja die, dass es eher den oder die Vortragenden betrifft. Dieser sieht unter Umständen in der Veröffentlichung der Folien, gerade im Live-Blogging und insbesondere mit dem Hinweis auf die gerade stattfindende Veranstaltung einen hinzunehmenden zusätzlichen Marketingeffekt. Und solange es sich hierbei in Grenzen hält, in welchem Umfang die Folien veröffentlicht werden, macht es ihr oder ihm vielleicht auch nichts aus.

Es ist schon eher der Fall, dass die Vortragenden selbst ins Visier von Urhebern kommen. Das ist immer dann der Fall, wenn die Referenten innerhalb ihrer Folien fremde Inhalte, wie zum Beispiel Fotos Dritter verwenden und vergessen haben, die Einwilligung hierfür einzuholen. Derartige Fälle sind weit häufiger als die von Dir genannten.

Barbara: Wie oft passiert es Dir, dass Du mit solchen Fragen konfrontiert wirst?

Christian: Also, die Frage nach der Veröffentlichung von Vortragsfolien live aus einem Vortrag heraus, hatte ich bisher noch nicht auf dem Tisch. Aber es sind selbstverständlich täglich Fragen dabei, wie mit an sich fremden Arbeiten, sei es Texten, Fotografien oder Musikstücken verfahren werden darf. Und häufig scheitern Mandanten daran, dass sie eben NICHT „zitiert“ haben.

Barbara: In diesem Fall sage ich wirklich herzlich gerne „Danke für’s Gespräch!“ Auch wenn ich mir wieder klar geworden bin, warum ich Jura im Studium zwar sehr spannend fand, aber das kein Berufsfeld für mich wäre.. zu viele Konjunktive 🙂

 

Und die Moral von der Geschicht‘?

Naja, wenn ICH auf der Bühne stehe, wird es ab jetzt von mir immer in paar einleitende Worte geben, dass meine Folien fotografiert und getwittert werden dürfen. Wie ich das als Zuschauer mache, weiss ich ehrlich gesagt noch nicht.

Seid Ihr zum Nachdenken angeregt? Wie kann man diese Herausforderung lösen?

Es MUSS einen Weg geben 🙂

 

 

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2 Gedanken zu “Er macht es – sie macht es – wir alle machen es

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